Zur Geschichte der Sozialdemokratie in Broistedt
Von 1919 - 1922 zwei sozialdemokratische Parteien im Ort
Von der Novemberrevolution bis zum Ende der Nazi-Diktatur
Die Anfänge einer organisierten Sozialdemokratie in Broistedt
reichen bis zur Novemberrevolution 1918 zurück. Nach der Abdankung des
Herzogs von Braunschweig am 9. November 1918 übernahmen für kurze
Zeit Arbeiter- und Soldatenräte die Macht im Land Braunschweig. Auch in
Broistedt bildete sich ein örtlicher Arbeiter- und Soldatenrat. Im Januar
1919 wurde in Broistedt ein Ortsverein der Unabhängigen Sozialdemokratischen
Partei Deutschlands (USPD) sowie im März ein Ortsverein der Mehrheitssozialdemokraten
(MSPD) gegründet. Beide Parteiorganisationen bestanden wahrscheinlich bis
zu ihrer Wiedervereinigung zur SPD Ende 1922. SPD-Mitglieder in den 20er Jahren
waren beispielsweise Josefa und Adolf Willmann sen. sowie Karl Inselmann.
Unterlagen und Dokumente aus der Zeit der Weimarer Republik sind so gut wie
nicht mehr vorhanden oder auffindbar. Relativ gesichert scheint, dass wichtige
Papiere wie zum Beispiel SPD-Mitgliederlisten von den Nationalsozialisten vernichtet
worden sind. Nicht ganz unwichtig ist, dass es schon 1930 im Freistaat Braunschweig
eine Koalitionsregierung aus Deutschnationaler Volkspartei (DNVP) und Nationalsozialistischer
Deutscher Arbeiterpartei (NSDAP) gab. Der für die Polizei zuständige
Innenminister war Mitglied der Nazi-Partei. Nach der "Machtergreifung"
der NSDAP und der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933
ging alles sehr schnell. Führende Sozialdemokraten wurden verhaftet, die
Büros besetzt, die Ortsvereine schliefen ein oder lösten sich formal
auf. Ende März 1933 bestand die SPD im Land Braunschweig nicht mehr.
Der Neuaufbau
Die Befreiung Deutschlands und Europas von der Hitlerdiktatur
und die Kapitulation der Wehrmacht im April/Mai 1945 ermöglichte einen
demokratischen Neuanfang. Die folgenden Monate standen ganz im Zeichen des Aufbaus
neuer demokratischer Strukturen; das zusammengebrochene öffentliche Leben
musste wieder in Gang gesetzt werden. Trotz schwieriger Lebenssituation in der
Nachkriegszeit fanden sich schon 1946 in Broistedt engagierte Männner und
Frauen zusammen, um den SPD-Ortsverein wiederzugründen. Zu den Sozialdemokratinnen
und Sozialdemokraten der ersten Stunde gehörten unter anderem Edith Bittner,
Robert Elzmann, Heinrich Kirchhoff, Johann Lerch, Heinrich Papendorf, Hermann
Lüddecke, Adolf Willmann sen., Willi Burgdorf, Otto Goldberg, Otto Hotopp,
Heinrich Lohse, Karl Krüger, Hermann Staats, Berta Staats, Adolf Willmann
jun., Walter Münstedt, Harry Rogasch, Hermann Schwannecke. Erster SPD-Vorsitzender
und Bürgermeister nach dem 2. Weltkrieg war Hermann Staats. 1947 gehörte
der Ortsverein Broistedt mit seinen 127 Mitgliedern zu den größten
im SPD-Kreisverband Wolfenbüttel. Prägende Persönlichkeiten in
der Gemeinde Broistedt waren in den 50er Jahren Bürgermeister Heinrich
Papendorf und Parteichef Adolf Willmann sen.
Aus dem Ortsverein wird die Ortsabteilung Broistedt
Mitte der 60er Jahre gab es in Broistedt heftige Diskussionen
und zum Teil heftige Auseinandersetzungen über eine geplante Gebiets-und
Verwaltungsreform. Über Jahre hinweg wurde über mögliche Varianten
gestritten. Die Broistedter SPD befürwortete mehrheitlich die Bildung einer
Einheitsgemeinde Lengede. Nach der Kommunalwahl 1968 stellte der "Bürgerblock
Broistedt" die Mehrheit im Rat und den Bürgermeister. Helmut Werner
übernahm 1969 das Amt des SPD-Ortsvereinsvorsitzenden, das er zehn Jahre
lang ausübte.
Die Einheitsgemeinde Lengede wurde dann am 1. Juli 1972 gebildet. Auch die fünf
SPD-Ortsvereine mussten sich organisatorisch auf diese Ausgangslage einstellen.
Die Ortsvereine Barbecke, Broistedt, Klein Lafferde, Lengede und Woltwiesche
schlossen sich am 2. Juni 1972 zu dem neuen Ortsverein Lengede zusammen. In
den Ortschaften blieben Ortsbezirke (Ortsabteilungen) bestehen. Im Herbst 1972
musste der Bürgerblock bei den Kommunalwahlen eine unerwartete Niederlage
einstecken. Die SPD errang die Mehrheit im Ortsrat und stellte mit Helmut Fuchs
den Ortsbürgermeister. Auch in der nächsten Wahlperiode von 1976 bis
1981 blieb Fuchs Vorsitzender des Ortsrates.
Mit einem Erdrutsch endeten 1981 die Wahlen zum Orts- und Gemeinderat. Die CDU
gewann die Mehrheit im Broistedter Ortsrat, im Lengeder Gemeinderat waren CDU
und SPD gleich stark. Die Pattsituation löste sich auf, als Helmut Fuchs
aus der SPD austrat und eine Zählgemeinschaft mit der CDU bildete. Nur
wenig später trat der ehemalige Sozialdemokrat, der zu dieser Zeit auch
Vorsitzender der Broistedter SPD war, in die CDU ein und wurde Christdemokrat.
Ein CDU-Mann konnte dann in Personalunion Ortsbürgermeister von Broistedt
sowie Bürgermeister der Gemeinde Lengede werden. Die traditionsreiche Partei
geriet dadurch in ein schwieriges Fahrwasser. In dieser Situation übernahmen
Hermann Riechey und später Bernhard Fleige den Parteivorsitz. Die CDU-Mehrheit
im Orts- und Gemeinderat erwies sich als kurze Episode, schon 1986 kippten die
Mehrheitsverhältnisse wieder. SPD-Mann Werner Fricke wurde für fünf
Jahre Ortsbürgermeister. Ferner war er bis 1989 Ortsabteilungsvorsitzender.
Es wächst zusammen ...
Nach Öffnung der Grenze der DDR zur Bundesrepublik am 9.
November 1989 starteten Broistedter Sozialdemokraten eine Initiative zur Unterstützung
der SPD-Ortsgruppe Egeln-Nord in der Nähe von Magdeburg. Die Broistedter
leisteten vor allem "technische Hilfe" bei einigen Wahlkämpfen
1990. Als Soforthilfe wurde eine Schreibmaschine und Papier zur Verfügung
gestellt, Flugblätter nach Vorlagen der Egelner SPD in Broistedt kopiert
und dann in dem Ort verteilt. Bei einigen Besuchen wurde die jeweilige kommunale
Infrastruktur besichtigt. Außerdem wurde intensiv über den Aufbau
einer kommunalen Selbstverwaltung diskutiert. Am 1. Mai 1990 beteiligten sich
Egelner Sozialdemokraten (freiwillig) an der Maikundgebung in Peine. Höhepunkt
war ein Treffen mit dem damaligen Präsidenten der ersten frei gewählten
Volkskammer, Dr. Reinhard Höppner, den heutigen Ministerpräsidenten
des Landes Sachsen-Anhalt.
Der Generationswechsel der 90er Jahre
Einen Führungs- und Generationswechsel gab es 1991: Zum neuen
Ortsabteilungsvorsitzenden wurde der 25-jährige Frank Hoffmann gewählt,
er löste Niko Berens ab, der nicht wieder kandidierte. Auch an der politischen
Führungsspitze im Ort gab es 1991 eine gravierende Veränderung: Mit
der Sozialdemokratin Erika Hagemann wurde erstmals eine Frau Ortsbürgermeisterin.
Sie wurde 1996 in diesem Amt bestätigt. Nach 20 Jahren Abstinenz hatte
Broistedt mit der Sozialdemokratin Heike Makus wieder eine Abgeordnete im Peiner
Kreistag. 1997 wurde Helmut Werner als bisher erster und einziger Broistedter
Sozialdemokrat für sein Engagement in der SPD und für die Dorfgemeinschaft
mit der Willy-Brandt Gedenkmünze ausgezeichnet. Von 1999 bis 2001 leitete
Heinz-Jürgen Hagemann die Broistedter SPD. Im Januar 2001 wurde Ulrich
Jablonka zum Vorsitzenden der SPD-Ortsabteilung gewählt. Der 44-jährige
Sozialdemokrat ist als Schlosser bei einer Lengeder Maschinenbau-Firma beschäftigt,
wo er sich auch als Betriebsratsvorsitzender engagiert.
Manfred Herzig