Zur Geschichte der SPD in Woltwiesche
Beginn in schwerer Zeit
Im Gegensatz zu den Nachbarorten haben sich die Sozialdemokraten
in Woltwiesche erst ziemlich spät organisiert. Erst gegen Ende der Weimarer
Republik, im Jahre 1928, gründeten sie in Woltwiesche einen eigenen Ortsverein,
der im ersten Halbjahr 1929 dreizehn Mitglieder zählte. Genaueres hierüber
konnte nicht ermittelt werden, weil die Mitgliederlisten vermutlich während
des "Dritten Reiches" vernichtet wurden. Die SPD hatte in den Jahren
der Weltwirtschaftskrise vor allem in den Landgemeinden einen schweren Stand,
weil hier die Nationalsozialisten großen Zulauf hatten. Schon 1930 gelang
es ja den Nationalsozialisten im Freistaat Braunschweig, durch eine Koalition
mit den Deutschnationalen an die Regierung zu kommen (Ministerpräsident
Klagges). Im Zusammenhang mit einer SPD-Kreiskonferenz am 15. Januar 1933 in
Wolfenbüttel - also zwei Wochen vor der "Machtergreifung" im
Reich - wurde gemeldet, dass sich der Ortsverein Woltwiesche aufgelöst
hätte. Im Juni 1933 wurde die SPD von den neuen Machthabern verboten.
Neuaufbau des Ortsvereins mit Walter Hennig und Ernst Schimmeyer
Erst nach der Befreiung vom Nationalsozialismus kam es im Jahre
1945 zu der Neugründung eines sozialdemokratischen Ortsvereins in Woltwiesche.
Auch wenn die Unterlagen hierüber lückenhaft sind, konnten wir herausfinden,
dass Walter Hennig aus Leipzig offenbar der erste Vorsitzende des Ortsvereins
war. Zu den ersten aktiven Mitgliedern zählten der 2. Vorsitzende Koch,
Hermann Sonnenberg, Albert Hübner, Paul Keye, Ludwig Busch, Otto Galke,
Gerhard Dahlke und der neue Schulleiter, Erwin Fett aus Königsberg (Ostpreußen).
Eine der ersten Aufgaben des Ortsvereins war die Vorbereitung der ersten demokratischen
Kommunalwahl nach dem Kriege.
Im September 1946 wurde Ernst Schimmeyer Erster Vorsitzender. In "seiner"
Zeit erreichte der Ortsverein mit 65 Mitgliedern seinen höchsten Stand
(Dezember 1947). Damals organisierte der Ortsverein für Mitglieder und
Freunde kulturelle Veranstaltungen, Wohltätigkeitsveranstaltungen und sammelte
für den Wiederaufbau des Volksfreundehauses, der Parteizentrale in Braunschweig.
Im Frühjahr 1948 fand eine Gedenkfeier zur Revolution von 1848 statt.
Im selben Jahr musste Paul Keye zurücktreten, Ernst Schimmeyer wurde neuer
Bürgermeister. Jetzt hatte Schimmeyer nicht mehr genügend Zeit für
die Parteiarbeit. Er stellte den Parteivorsitz zur Verfügung, und Heinrich
Sieverling aus der Siedlerstraße wurde zum Ersten Vorsitzenden gewählt.
In Sieverlings Amtszeit vollzog sich die Teilung Deutschlands durch die Gründung
der beiden deutschen Staaten. Im Januar 1950 gab Sieverling sein Amt an August
Schrader ab, blieb aber Zweiter Vorsitzender. Im März 1950 kam es zu einem
Eklat mit der regierenden CDU: die SPD zog ihre Ratsherren aus Protest aus allen
Ausschüssen zurück.
Im Mai 1950 ehrte die Partei zum ersten Mal Mitglieder für 25-jährige
Mitgliedschaft.
Die fünfziger Jahre
Im Januar 1951 wurde Heinz Kuhn Erster Vorsitzender, sein Stellvertreter
wurde Erich Ohlendorf. Als Heinz Kuhn schon ein Jahr später zurücktrat,
musste Bürgermeister Schimmeyer wieder den Vorsitz des Ortsvereins übernehmen.
Im gleichen Jahr wurde Schimmeyer als Bürgermeister wiedergewählt,
sein Stellvertreter wurde Walter Hennig. Als Ernst Schimmeyer vom Gemeinderat
zum Gemeindedirektor gewählt wurde, übernahm Walter Hennig die Ämter
des Bürgermeisters und des Parteivorsitzenden.
Schon 1956 wurde Heinz Kuhn zum zweiten Mal Vorsitzender des Ortsvereins. Nach
der gewonnen Kommunalwahl sollte Kuhn auch Bürgermeister werden. Die entscheidende
Sitzung des Gemeinderats endete mit einer Sensation: Der Sozialdemokrat Heinrich
Sieverling ließ sich mit Unterstützung der CDU-Ratsherren zum Bürgermeister
wählen. Nach diesem Eklat trat Kuhn zurück, und Erich Ohlendorf wurde
zum Ersten Vorsitzenden gewählt; Heinrich Klußmann wurde sein Stellvertreter.
Im Jahre 1958 tauschten Ohlendorf und Klußmann ihre Ämter gewissermaßen.
Zwei Jahre später wurde Ohlendorf zwar wiedergewählt, aber Erster
Vorsitzender wurde diesmal Alfred Liekefett.
Walter Kieritz wird Ortsvereinsvorsitzender
Schon im Jahre des Mauerbaus (1961) trat Liekefett zurück,
und Walter Kieritz übernahm die Leitung des Ortsvereins. Im selben Jahr
wurde er zum ersten Mal Bürgermeister von Woltwiesche (bis 1964). In diesen
Jahren nahm der Ortsverein auch an der Deutschlandpolitik Anteil: Durch eine
Spende an das Kuratorium Unteilbares Deutschland trug er dazu bei, dass an der
Ecke Fuhsestraße / Breite Straße ein Stein gesetzt wurde, der an
die Teilung des Landes erinnerte.
In diesen Jahren vollzog sich der Aufstieg von Heinz Squarra: Zunächst
bekleidete er das Amt des Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat, dann wurde er
Vorsitzender des Ortsvereins und nach der Kommunalwahl von 1964 schließlich
als Bürgermeister der Nachfolger von Walter Kieritz; dieses Amt behielt
er bis zur Gründung der Einheitsgemeinde Lengede im Jahre 1972. In den
frühen sechziger Jahren engagierte sich auch der neue Schulleiter in Woltwiesche,
Kurt Franke, auf Seiten der SPD in der Kommunalpolitik, wie es schon Erwin Fett
Ende der vierziger Jahre getan hatte. Franke wurde zunächst Schriftführer
des Ortsvereins und nach der Kommunalwahl von 1964 Fraktionsvorsitzender der
SPD. Bei der gleichen Kommunalwahl konnte Kieritz in den Kreistag Wolfenbüttel
einziehen.
Die SPD wird "jünger"
Im Jahre 1972 erfolgte nicht nur die Gemeindereform, sondern
auch eine Art Generationswechsel in der SPD Woltwiesche: Der neue Vorsitzende
der SPD wurde ein Mann, der gerade 24 Jahre alt geworden war: Hans-Hermann Baas,
er blieb zwölf Jahre in diesem Amt. Aus dem "Ortsverein Woltwiesche"
wurde durch die Gemeindereform eine "Ortsabteilung". Von den "Mitstreitern"
seien hier nur beispielhaft Rudi Meyer und Klaus Bem genannt; viele Jahre lang
verwaltete Marion Meyer die Kasse der Ortsabteilung. Nach der Gemeindereform
(1972) wurde Walter Kieritz "Ortsbürgermeister"; er wurde dreimal
wiedergewählt.
In den siebziger und achtziger Jahren führte die Ortsabteilung zeitweise
regelmäßig "Montagsrunden" durch, zu denen prominente Politiker
der Partei eingeladen wurden, zum Beispiel Alfred Kubel, Werner Kirschner, Erwin
Reinholz, Fritz Gautier, Hermann Barche, Helmut Bosse, Adolf Stockleben und
Ulrich Biel. In dieser Zeit organisierte sie auch mehrere Tagesfahrten in die
DDR. Weitere traditionelle Einrichtungen seit den siebziger Jahren sind das
Sommerfest und der Preisskat (zum ersten Mal 1977!) im Februar eines jeden Jahres.
In dieser Zeit verfügte die SPD über eine sichere Mehrheit im Ortsrat;
nur in der (3.) Periode von 1981 bis 1986 schrumpfte diese Mehrheit auf einen
Sitz zusammen.
Im Frühjahr 1984 übernahm Klaus Bem den Vorsitz der Ortsabteilung,
doch schon im Herbst musste er von allen Ämtern zurücktreten, so dass
Hans-Hermann Baas vorübergehend noch einmal "in den Ring steigen"
musste. Im Januar 1985 übernahm Rudi Meyer für zwei Jahre den Vorsitz
(Stellvertreter: Hans-Hermann Baas).
Wichtige Anliegen in dieser Zeit waren
° der Anschluss Woltwiesches an die Erdgasversorgung,
° die Einrichtung von verkehrsberuhigten Straßen
° die Verhinderung des Atommüllendlagers Schacht Konrad.
In einer Kampfabstimmung setzte die SPD im Ortsrat durch, dass das neue Feuerwehrgerätehaus
auf dem Festplatz gebaut wurde.
Ein anderer Wunsch der SPD, ein Verbindungsweg zwischen dem Altdorf und der
Siedlung Vor der Graue, konnte nicht verwirklicht werden.
Im Februar 1987 kehrte Klaus Bem in die Kommunalpolitik zurück und wurde
wieder zum Vorsitzenden der Ortsabteilung gewählt, bis 1991 war Barbara
Giffei seine Vertreterin, danach Peter Bruns.
Die 90er: Barbara Giffei wird Ortsbürgermeisterin und Peter
Bruns Vorsitzender
Im Jahre 1991 ging in Woltwiesche die "Ära Kieritz"
zu Ende. Aus gesundheitlichen Gründen verzichtete Walter Kieritz auf eine
erneute Kandidatur als Ortsbürgermeister, er blieb jedoch bis 1996 im Ortsrat.
Neue Ortsbürgermeisterin wurde Barbara Giffei.
Im Jahre 1994 hatte die Ortsabteilung die seltene Gelegenheit, ein Mitglied
für 75-jährige Parteizugehörigkeit zu ehren: Wilhelm Weber war
schon 1919 in die SPD eingetreten.
Anfang der neunziger Jahre griff die SPD das Thema Verkehrsberuhigung wieder
auf und führte flächendeckend eine Fragebogenaktion durch (mit einer
Rückläuferquote von mehr als 68 %). Eine Mehrheit von rund 80
% sprach sich für verschiedene verkehrsberuhigende Maßnahmen aus.
Diese wurden daraufhin vorangetrieben: Umgestaltung der Breiten Straße.
Als Bem wegen seiner schweren Erkrankung auf eine erneute Kandidatur verzichtete,
wurde Peter Bruns 1993 erstmalig zum Ersten Vorsitzenden gewählt. Besonnen,
unauffällig und umsichtig führt er die Ortsabteilung (März 1999:
58 Mitglieder) ins dritte Jahrtausend. In den ersten vier Jahren war Barbara
Giffei seine Stellvertreterin, dann für zwei Jahre Rüdiger Zilkenath
und jetzt Dirk Meyer. Seit 1996 ist er auch der Stellvertreter der Ortsbürgermeisterin
Barbara Giffei.
In diesem Jahr wird zum ersten Mal ein Woltwiescher Sozialdemokrat den neuen
Bundespräsidenten mit wählen: Hans-Hermann Baas, der sich seit rund
dreißig Jahren in der Kommunalpolitik engagiert, wird am 23. Mai 1999
der Bundesversammlung in Berlin angehören.
Walter Künnecke und Peter Bruns
Der Text ist in der hervorragenden "Chronik des Dorfes Woltwiesche 1149 - 1999"
des Ortsheimatpflegers Wolfgang Altrock von 1999 enthalten und wird mit seiner
freundlichen Genehmigung hier wiedergegeben.